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Über den Blog

Dieser Blog soll ein kreativer Raum sein, in dem ich über alles mögliche, was mir in meinem Leben begegnet, schreiben möchte.

Rezension: “Blackbird” von Matthias Brandt

Rezensionen Posted on Sat, September 28, 2019 12:31:44

Der 15-jährige Gymnasiast Morten, genannt Motte, hat einen besten Freund. Den Bogi. Und auf einmal ist Bogi weg. Im Krankenhaus. Und da bleibt er ziemlich lange, weil er sehr krank ist. Der neue Bogi, der im Krankenhaus, ist so anders als der alte, fast schon so, als würde er gar nicht mehr zu Mottes Welt gehören. Worüber und wie soll Motte jetzt mit ihm reden? Wo er doch eigentlich gar nicht weiß, was er sagen soll. Und außerdem ist da nicht nur Mitleid, sondern auch eine Menge Wut im Bauch, dass Bogi ihn einfach so alleine lässt.

Als ob das nicht genug wäre, scheint Mottes Leben in allen möglichen Bereichen auseinanderzufallen. Sein Vater brennt mit einer anderen Frau durch, seine Mutter kämpft schwer mit der neuen Situation, und dann erweckt der Anblick eines Mädchens aus der Nachbarschule auf einmal so ganz neue Gefühle in Motte …

Matthias Brandt gelingt mit »Blackbird« ein großartiger Einblick in das verworrene Seelenleben eines pubertierenden Jugendlichen, der auf einmal mit Tod, Trennung und Liebe konfrontiert wird. Die Sprachlosigkeit des Protagonisten nach außen und die gleichzeitige Gedankenflut im Inneren sind das Gerüst des Romans. Der Leser erlebt Mottes Welt aus der Ich-Perspektive, eine sehr kluge Perspektiven-Wahl. Näher kann man einem Protagonisten nicht kommen. Das verleiht dem Roman eine persönliche Tiefe, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch voller Witz und Komik. Mottes Blick auf die Welt ist mit so trockenem Humor unterlegt, dass man immer wieder an sich halten muss, um nicht laut loszulachen. Scharf beobachtet und skizziert ist das Verhalten der Erwachsenen mit all der Heuchelei, die hier oft anzutreffen ist, aber auch mit all den positiven Aspekten. Man lernt so einiges über die Bedürfnisse, Ängste und Nöte eines pubertierenden Jugendlichen.

»Blackbird« ist ein durch und durch gelungenes Werk, voller Humor, Liebe und Weisheit.

Der Roman »Blackbird« von Matthias Brandt ist 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.



Das Blaue Album

Rezensionen Posted on Sat, April 06, 2019 22:14:11

Der Roman »Das blaue Album« wurde von Heide-Marie Lauterer geschrieben und ist 2017 im Rungholt Verlag erschienen.

Eine Frau, ihre Tochter und ihre Mutter, ein klobiger Sekretär, der sich nicht bewegen lassen will, und ein blaues Album mit Fotos aus der Nazizeit. Dazu ein Archäologe und ein Partner mit rechtsradikalem Freundeskreis. Das sind die Grundzutaten dieses Romans. Damit entfaltet Lauterer eine spannende Geschichte über unausgesprochene Themen aus der Vergangenheit, die sich immer wieder in die Gegenwart drängen, um endlich gesehen, verstanden und verarbeitet zu werden.

In dem alten Sekretär, einem Erbstück ihrer Mutter, entdeckt Helena zusammen mit ihrer Tochter Blue ein blaues Album mit Fotos ihres Vaters aus der Nazizeit. Die Bilder werfen Fragen auf, die sich so leicht nicht beantworten lassen. Die Existenz und der Inhalt dieses Albums interessieren auch andere Leute, wie zum Beispiel Blues Freund und auch den Archäologen Paulus, den Helena auf einer Party kennenlernt.
Das Album verschwindet, keiner weiß, wo es abgeblieben ist, es zu finden, wird ein immer dringlicher werdendes Anliegen. Helena macht sich auf die Suche und kommt dem Geheimnis ihrer Familie immer näher. Paulus lädt sie zu seinen Grabungsstätten ein und führt sie auf eine schamanische Visionssuche, die Helena die Schatten der Vergangenheit erleben lässt.
Helenas Tochter startet eigene Recherchen und findet durch Akten im Archiv heraus, was es mit Opa Karl auf sich hat.

Lauterer nimmt sich in ihrem Roman der Bewältigung der NS-Zeit an und zeigt, wie sehr die Taten und das Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration Einfluss auf das eigene Leben haben. Diese Thematik verwebt sie meisterhaft mit den gegenwärtigen Problemen der Immigration und des erstarkenden Fremdenhasses im heutigen Deutschland, so dass ein interessantes Mosaik aus Vergangenheit und Gegenwart entsteht, das ein Grundthema hat: wie gehe ich mit Menschen um, die anders sind? Und was haben wir aus unserer Vergangenheit gelernt?

Lauterer schreibt in eindringlicher Sprache und je weiter die Geschichte fortschreitet, desto weniger kann sich der Leser dem Sog, der sie entfaltet, entziehen.

Fazit: ein vielschichtiges Leseabenteuer, das die Augen dafür öffnet, dass auch das Leben und die Taten der vergangenen Generationen eine unübersehbare Wirkung auf die Gegenwart haben. Man darf sie nur nicht verdrängen, denn sie werden ihren Weg nach oben finden.



“Kontrapunkt” von Anna Enquist

Rezensionen Posted on Wed, August 08, 2018 22:49:26


Ich habe eines meiner absoluten Lieblingsbücher wieder zur Hand genommen und noch einmal gelesen. Wieder bin ich erschüttert und zutiefst berührt von diesem wunderbare Werk von Anna Enquist. Hier eine kleine Rezension:

Anna Enquist schreibt über Musik, mit Musik und um Musik herum . Sie
setzt Musik und Leben in Verbindung. Sie betreibt Trauerverarbeitung mit Musik.

Die Protagonistin, einfach nur “Frau” genannt, ist Pianistin und wagt
sich an das Bachsche Wahnsinnswerk “Die Goldberg-Vatiationen”. Eine
Aria, einfach in Gestalt, dreißig Variationen, und anschließend noch
einmal die Aria. Sie versucht auf diese Weise die Erinnerung an ihre
verstorbene Tochter zu erhalten. Es ist schlimm, einen geliebten
Menschen zu verlieren, noch schlimmer ist die immer weiter verblassende
Erinnerung. Jeder verstreichende Tag führt sie weiter weg von ihrem
Kind. Anhand der 30 Variationen, die in ihrem Auftreten und ihrer
Wesensart alle unterschiedlich sind, erarbeitet sie sich eine Collage an
Erinnerungen an ihre Tochter. Das Baby, das kleine Mädchen, der
Teenager und die junge Erwachsene – bis zu ihrem Unfalltod. Eine
Beziehung von ganz eng und ganz nah über das schrittweise Loslassen hin
zu der erwachsenen Tochter, die ihr eigenes Leben lebt. Und trotzdem
immer liebende Nähe.

Das Licht der Klavierlampe bildete ein schützendes Rund, das Partitur, Klaviatur und Hände umschloss … Hier
vergräbt sich die Frau, studiert die technisch immens schweren
Variationen und erinnert sich. Die Welt außerhalb ihres schützenden
Runds ist für sie voll Angst, voll von HEUTE, das ihr die Erinnerungen
zu nehmen versucht.

Der Leser bekommt nicht nur diese
wunderbaren literarischen Zeichnungen dieses Kindes, die Frau
beschäftigt sich außerdem mit Bach und seinem Leben sowie
musiktheoretischen und klaviertechnischen Fragestellungen. Nicht aber in
unverständlichem Kauderwelsch, sondern in schönen verständlichen
Sätzen, die die Neugierde auf die Musik erwecken. Man beschäftigt sich
mit Bachs Komposition aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus, so
subjektiv und doch so allumfassend.

Jedes Kapitel beignnt mit
ein paar Takten Notenzeilen, jede Variation wird so skizziert. Und wenn
man sich zum Lesen noch die Musik anhört, dann hat man ein ganz
wundervolles Gesamtkunstwerk von Musik und Literatur. Ein zutiefst
berührendes Buch.

Als ich über die Autorin nachlas, habe ich
herausgefunden, dass sie mit diesem Buch wirklich den Unfalltod ihrer
Tochter verarbeitet hat. Ich kann es kaum mehr zur Hand nehmen, ohne
dass mir die Tränen kommen. Geschweige denn Bach hören.