Ich kann es kaum glauben, aber das Trauerjahr ist fast vorbei. Am kommenden Montag ist es ein Jahr her, dass meine Oma gestorben ist. Unfassbar. Wirklich.

Ich sitze hier und fühle in mich hinein und überlege, wie das war, das Trauerjahr. Und was sich geändert hat. Heilt die Zeit die Wunden? Ich lese in meinem alten Blog, lese über die pure Verzweiflung im Januar, erinnere mich an das Gefühl der endlosen Leere kurz nach dem Tod, denke darüber nach, wie sehr sich alles verändert hat.

Trauerjahr.

Was heißt das? Ich fühle mich immer noch traurig, wenn ich zu lange an meine Oma denke. Wenn es spät abends ist (so wie jetzt), um mich herum alles still und dunkel. Wenn mich Erinnerungen fluten und ich das Gefühl habe, ihre Stimme zu hören, ihre rauen, faltigen Hände zu spüren, ihre Zuneigung zu erfahren. Dann kommt der Kloß im Hals wieder zurück und ich weiß noch genau, wie es war, als ich meinte, an diesem Kloß ersticken zu müssen. Reminiszenz.

Vor ein oder zwei Wochen habe ich von meiner Oma geträumt. Das erste Mal seit ihrem Tod. Bis dahin erschien mir ihre Abwesenheit als entgültige Tatsache. Sie war wirklich weg. Im Gegensatz dazu hatte ich nach dem Tod meines Großvaters immer das Gefühl, dass er ständig anwesend und präsent ist und mir seine Hand auf die Schulter legt. Mich weiterhin begleitet.

Dieser Traum glich einer Erlösung. Auch sie ist da. Sie hat sich nicht einfach davon gestohlen. Ohne Verbindung. Man mag vom Tod denken was man will. Für mich ist es nur ein Übergang in eine andere Existenzform. Man verlässt den menschlichen Körper, der vielleicht eh schon jenseits jeglicher vernünftigen Funktion liegt. Und lebt anders weiter. In dieser Andersartigkeit kann man durchaus in Kontakt treten mit den Lebenden. So sehe ich das.

Nur meine Oma hat da nie gemacht. Mir erschien es fast wie eine Weigerung – oder Verweigerung. Sie wollte nicht, konnte nicht, was auch immer. Und dann dieser Traum … sie war da. Anwesend. Ganz klar und deutlich. Und sie hat mich umarmt, ganz fest, und hat gesagt, dass alles gut wird. Ich habe eine immense Erleichterung verspürt, die Existens dieser Verbindung, auf die ich so lange gewartet habe, macht es mir leichter, dieses Jahr zu ende zu bringen. In meinem Herzen ist sie nach wie vor so präsent als wäre sie nicht weg. Als säße sie in ihrer Wohnung, knappe 3 Kilometer Luftlinie von hier entfernt, so wie sie es davor immer getan hat.

Omilein.

Mir kommen noch immer die Tränen. Aber nicht mehr so oft. Und nicht mehr so gewaltätig. Die Trauer wird leiser. Tritt ein wenig zurück und überlässt die vordeste Front anderen Themen.

Vergessen werde ich nicht. Aber ander erinnern. Das schon.