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Über den Blog

Dieser Blog soll ein kreativer Raum sein, in dem ich über alles mögliche, was mir in meinem Leben begegnet, schreiben möchte.

Abschied

Lebensgedanken Posted on Fri, July 12, 2019 23:06:42

Immer wieder und immer wieder gibt es diese einschneidenden Momente im Leben, wo man genau weiß, es wird nicht mehr so sein wie früher. Sie kommen, diese Momente, ändern etwas im Leben, und dann verschwinden sie wieder. Zurück bleibt ein Kloß im Hals und die Gewissheit, dass jetzt wieder Trauerarbeit angesagt ist. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und man muss ja nicht nur um verstorbene Menschen trauern, es gibt viel im Leben, das ein wenig Trauer wert ist, wenn es verschwindet.

Heute habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben den letzten Satz der Abschiedssymphonie von Haydn aufgeführt, das zweite Mal tatsächlich zum Abschied. Diesmal musste ich mich zusammenreißen, mein Blick auf die Noten verschwamm, ich blinzelte, er verschwamm wieder. Und wieder.

Der ganze Saal ist in Dunkelheit getaucht, nur an den Notenständern des Orchesters auf der Bühne leuchten die Funzeln von Pultleuchten, die es einem gerade mal so ermöglichen, die Noten zu erkennen.

Si Parte,
steht da in den Noten, an verschiedenen Stellen.

Einer geht, löscht das Licht, es wird dunkler auf der Bühne. Wir spielen weiter. Wieder einer. Noch ein paar Takte. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Ich gehe auch. Lösche das Licht und weiß, dass es so nie wieder angehen wird. Am Ende sind es noch drei, zwei Geigen, eine Bratsche, die tapfer spielen, und die Dirigentin, die dirigiert. Die Bratsche geht. Die Dirigentin geht. Es ist fast komplett finster jetzt. Die letzten Töne … Stille.
Dann Applaus aus dem Publikum, viel Applaus. Die Scheinwerfer gehen an, wir treten auf die Bühne, nehmen den Beifall entgegen. Es ist gut gelaufen, all die Pleiten und Pannen aus der Generalprobe haben wir hinter uns gelassen, all die harten Proben haben Früchte getragen.

Jetzt noch – gelöst und locker – die Zugabe. Eine Tangobearbeitung. Macht Spaß, kommt gut an. Und trotzdem ist mir, als zerrisse es mir das Herz, so verdammt traurig ist die ganze Situation. Der letzte Tango, wir spielen, das Ende naht. Und dann ist es vorbei. Ende Äpfel Amen.

Das war’s. Das soll es gewesen sein? Kein Orchester mehr? Die Dirigentin geht in Rente. An dieser Stelle möchte ich Verena Seitz ein dickes, dickes Dankeschön aussprechen für all ihre Arbeit und Mühe mit den Kindern. Sie hat ihnen immer wieder gezeigt, wie wunderbar es ist, zusammenzuspielen, Musik zu machen, Stücke zur Aufführung zu bringen. Sie hat nicht aufgegeben, selbst wenn zum tausendsten Mal die Noten vergessen oder nicht geklebt, oder noch schlimmer, nicht geübt waren.

Ich selbst bin diesem Musikschulorchester seit ewigen Zeiten entwachsen, aber es ist die Wiegestube meiner eigenen Orchestertätigkeit, meiner Liebe zum Orchesterspielen, die mich nie verlassen hat. Hier habe ich immer wieder von vorne angefangen, wenn alle guten Schüler weggegangen sind und lauter kleine nachkamen. Schon wieder den festlichen Marsch von Händel, weil mehr einfach nicht ging. Aber wir sind oft sehr weit gekommen. So haben wir die Unvollendete von Schubert gespielt, die 1. Symphonie von Beethoven. Diverse Solokonzerte von Bach, die Romanze in f-Moll von Dvorak und vieles, vieles mehr. Ich habe dort Solo gespielt, ich habe Stimmproben geleitet. Und jetzt, 20 Jahre später, spielen meine Kinder dort mit. Wieder Stimmproben. Ich helfe aus. Fingersätze sortieren, Vorzeichen lernen, sauber spielen üben. Immer wieder Aufführungen, Erfolge. Die Kinder sind stolz, freuen sich. Wenn ich am Ende einer Probe von den Kindern Enttäuschung erlebe, dass es vorbei ist und gefragt werde, ob wir nicht noch ein bisschen weiterspielen können, dann ist das eine gute Sache.

Hier geht mit dem heutigen Tag tatsächlich eine Ära zu Ende. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als die vielen schönen Momente im Herzen zu behalten und nicht zu vergessen. Ein bisschen Traurigkeit muss sein, man kann ja nur über den Verlust von schönen und guten Dingen trauern.



Wegbegleiter

Lebensgedanken Posted on Thu, June 21, 2018 21:41:32


Ich hatte Besuch, von einem alten Bekannten, von einem guten Freund aus früheren Tagen, also von damals, als ich »noch jung« war. Wir kennen uns seit wir ungefähr dreizehn oder vierzehn sind. Musikfreizeiten, Orchester- und Kammermusikspielen bis zum Umfallen, Nächte durchmachen, reden, Unsinn machen, bunte Abende gestalten. Stippvisiten hier und dort und bei anderen gemeinsamen Freunden, Geburtstage, lauter Überraschungspartys und Besuche, er wird achtzehn, ich werde achtzehn, die anderen werden es auch. Wir haben das Schienennetz der Deutschen Bahn viel genutzt.

Es ist schon komisch, wie viel Erinnerung bleibt, wie gleich man bleibt in seinem Herzen, und wie viel sich doch verändert hat. Jedenfalls im Äußeren. Wenn ich mich mit ihm treffe, dann schimmert das Glücklichsein von damals durch, dieses Gefühl von unendlichem Spaß, und davon, dass das Leben noch vor einem liegt mit all seinen verschworbelten Wegen und Möglichkeiten. Damals war mir das nicht so bewusst wie heute.

Er war also hier, wir haben uns zwei Abende lang unterhalten, von unserem Leben erzählt, uns gewundert, dass der Spaß am und im Leben sowie das Gefühl von Glück manchmal im toten Winkel liegen bleiben. Man kann den Kopf drehen und wenden, wie man will, man bekommt weder den Spaß noch das Glück zu Gesicht. Die Hoffnung, dass die beiden noch da sind, stirbt zuletzt.
Heute sind andere Dinge wichtig als damals, frühere Probleme sind keine mehr, neue sind dazu gekommen. Und immer die Reminiszenz und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Der Abend schreitet dahin, es wird langsam dämmrig und dunkel und in mir steigt Müdigkeit auf. Eine Müdigkeit, die ich von früher gar nicht kenne. Knochendurchdringende Müdigkeit. Durchgemachte Nächte sind für mich das Grauen in Person. Heute. Damals war das anders. Da war das einfach lustig. Ihm geht es ähnlich. Gegen zehn Uhr tritt er den Weg zu seiner Unterkunft an. Ich begleite ihn ein Stück.

Ein lauer Abend, eine warme Brise auf der Haut und der Geruch von Sommer in der Luft. Das Glücksgefühl, das sich in mir angesammelt hat, steigt nach oben und ich möchte einen Schrei ausstoßen, so froh bin ich im Hier und Jetzt. Ich tue es nicht. Das gute Benehmen, die Nachbarn und so … und dennoch … das Herz ist offen für die Schönheit der Welt.

Wir machen uns auf den Weg. Wir laufen, ein flottes Tempo. Auf einmal sehe ich einen glühenden Punkt durch die Luft fliegen. Ich kann es kaum fassen: ein Glühwürmchen. Hier. Wahnsinn. Ich habe diese Tierchen seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen. Es werden mehr und mehr, sie tummeln sich in der Luft, sitzen in den Blättern der Büsche am Wegesrand und leuchten vor sich hin. Wegbegleiter. Die Glühwürmchen und mein Bekannter. Beide Begegnungen haben mich sehr glücklich gemacht. Es war dieses Glücksgefühl von damals, dieses Gefühl, dass die Welt einfach stimmt und ich genau da hingehöre, wo ich bin. Für ein paar Momente kann ich sie spüren, die sich so oft in Abwesenheit befindliche Leichtigkeit des Seins. Es gibt sie noch. Und das ist mehr als tröstlich.