Immer wieder und immer wieder gibt es diese einschneidenden Momente im Leben, wo man genau weiß, es wird nicht mehr so sein wie früher. Sie kommen, diese Momente, ändern etwas im Leben, und dann verschwinden sie wieder. Zurück bleibt ein Kloß im Hals und die Gewissheit, dass jetzt wieder Trauerarbeit angesagt ist. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und man muss ja nicht nur um verstorbene Menschen trauern, es gibt viel im Leben, das ein wenig Trauer wert ist, wenn es verschwindet.

Heute habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben den letzten Satz der Abschiedssymphonie von Haydn aufgeführt, das zweite Mal tatsächlich zum Abschied. Diesmal musste ich mich zusammenreißen, mein Blick auf die Noten verschwamm, ich blinzelte, er verschwamm wieder. Und wieder.

Der ganze Saal ist in Dunkelheit getaucht, nur an den Notenständern des Orchesters auf der Bühne leuchten die Funzeln von Pultleuchten, die es einem gerade mal so ermöglichen, die Noten zu erkennen.

Si Parte,
steht da in den Noten, an verschiedenen Stellen.

Einer geht, löscht das Licht, es wird dunkler auf der Bühne. Wir spielen weiter. Wieder einer. Noch ein paar Takte. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Ich gehe auch. Lösche das Licht und weiß, dass es so nie wieder angehen wird. Am Ende sind es noch drei, zwei Geigen, eine Bratsche, die tapfer spielen, und die Dirigentin, die dirigiert. Die Bratsche geht. Die Dirigentin geht. Es ist fast komplett finster jetzt. Die letzten Töne … Stille.
Dann Applaus aus dem Publikum, viel Applaus. Die Scheinwerfer gehen an, wir treten auf die Bühne, nehmen den Beifall entgegen. Es ist gut gelaufen, all die Pleiten und Pannen aus der Generalprobe haben wir hinter uns gelassen, all die harten Proben haben Früchte getragen.

Jetzt noch – gelöst und locker – die Zugabe. Eine Tangobearbeitung. Macht Spaß, kommt gut an. Und trotzdem ist mir, als zerrisse es mir das Herz, so verdammt traurig ist die ganze Situation. Der letzte Tango, wir spielen, das Ende naht. Und dann ist es vorbei. Ende Äpfel Amen.

Das war’s. Das soll es gewesen sein? Kein Orchester mehr? Die Dirigentin geht in Rente. An dieser Stelle möchte ich Verena Seitz ein dickes, dickes Dankeschön aussprechen für all ihre Arbeit und Mühe mit den Kindern. Sie hat ihnen immer wieder gezeigt, wie wunderbar es ist, zusammenzuspielen, Musik zu machen, Stücke zur Aufführung zu bringen. Sie hat nicht aufgegeben, selbst wenn zum tausendsten Mal die Noten vergessen oder nicht geklebt, oder noch schlimmer, nicht geübt waren.

Ich selbst bin diesem Musikschulorchester seit ewigen Zeiten entwachsen, aber es ist die Wiegestube meiner eigenen Orchestertätigkeit, meiner Liebe zum Orchesterspielen, die mich nie verlassen hat. Hier habe ich immer wieder von vorne angefangen, wenn alle guten Schüler weggegangen sind und lauter kleine nachkamen. Schon wieder den festlichen Marsch von Händel, weil mehr einfach nicht ging. Aber wir sind oft sehr weit gekommen. So haben wir die Unvollendete von Schubert gespielt, die 1. Symphonie von Beethoven. Diverse Solokonzerte von Bach, die Romanze in f-Moll von Dvorak und vieles, vieles mehr. Ich habe dort Solo gespielt, ich habe Stimmproben geleitet. Und jetzt, 20 Jahre später, spielen meine Kinder dort mit. Wieder Stimmproben. Ich helfe aus. Fingersätze sortieren, Vorzeichen lernen, sauber spielen üben. Immer wieder Aufführungen, Erfolge. Die Kinder sind stolz, freuen sich. Wenn ich am Ende einer Probe von den Kindern Enttäuschung erlebe, dass es vorbei ist und gefragt werde, ob wir nicht noch ein bisschen weiterspielen können, dann ist das eine gute Sache.

Hier geht mit dem heutigen Tag tatsächlich eine Ära zu Ende. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als die vielen schönen Momente im Herzen zu behalten und nicht zu vergessen. Ein bisschen Traurigkeit muss sein, man kann ja nur über den Verlust von schönen und guten Dingen trauern.