Ich habe eine Tochter, die ist vergangenen Februar neun Jahre alt geworden. Und ich habe festgestellt, dass wir seit ein paar Wochen in eine ganz neue Phase eintreten. Die Phase der Peinlichkeit hat uns erreicht. Alles ist peinlich. Aber wirklich. Alles. Ein sehr häufig gehörter Satz aus dem Munde dieses wunderbaren Mädchens ist: »Aber neeeeeiiiiin, Mama, das ist peeeeeiiiiinlich!«

Ich muss dann immer so lachen. Und ein bisschen peinlich sein (jedenfalls für ihre Begriffe), weil es lustig ist, wenn sie oben erwähnten Satz in größter Verzweiflung von sich gibt. Bisschen mütterlicher Sadismus muss hier schon sein.

Wir waren letztens auf einem Sommerfeuer und da gab’s auch eine Life-Band. Ich habe so ein bisschen zur Musik getanzt – wobei das wirklich schon fast übertrieben ist. Habe mich dazu ein wenig bewegt, sagen wir es mal so. Meine Tochter ist fast ausgeflippt. »Mamaaaaaa, das geht nicht, das ist so peinlich.« Ich konnte es natürlich nicht lassen, die eine oder andere “peinliche” Bewegung zu machen.
Ja, wir haben uns dann lange darüber unterhalten, immer wieder, über den Blick der anderen auf die eigene Person. Wo darf mich dieser Blick einengen, wo vielleicht besser nicht. Sie wird ihren Weg finden, da bin ich mir sicher.
Wir sind dann ganz nah an die Bühne gegangen, wo es auch noch andere Menschen gab, die sich zur Musik bewegt haben, die sogar getanzt haben. Da wurde es besser. Sie hat mitgetanzt und hatte einen Heidenspaß.

Auf der Geige vorspielen ist auch peinlich. Dabei macht sie es so gut, so souverän, so ganz ohne jeglichen Grund auch nur einen Ansatz von Peinlichkeit oder Scham spüren zu müssen. Einer Freundin geliehene Unterwäsche zurückzugeben ist auch peinlich.

Ich erinnere mich gut daran, was mir alles peinlich war, als ich noch ein Kind oder eine Jugendliche war. Das war eine ganze Menge. Ehrlich. Ich war da ganz schlimm. Und heute? Ist nicht mehr viel übrig geblieben davon. Mir ist es ziemlich egal geworden, was andere Menschen über mich denken. Sollen sie doch denken, was sie wollen. (Ich denke ja auch, was ich will). Ob ich so aussehe oder anders, ob ich tanze wie der letzte Neanderthaler oder wie eine Königin, ob ich Unsinn rede oder nur vernünftiges von mir gebe … who cares, really? Es ist natürlich nicht immer ganz so einfach, aber im Großen und Ganzen stehe ich drüber. Ich finde es sehr schön, dass ich mich von solchen Zwängen befreien konnte. Sie engen ein, sie lassen einen Dinge nicht tun, die eigentlich total toll wären, die das Leben bereichern würden oder einen meilenweit vorwärts bringen. Man tut sie nicht, weil es »peinlich« ist. Zum Teil sogar wider besseren Wissens.

Andererseits ist das Gefühl der Peinlichkeit natürlich auch ein gesellschaftlicher Regulator, so dass es zumindest gewisse Grenzen gibt, was in einer Kultur möglich und gewollt und was einfach jenseits jeglicher Möglichkeiten liegt. Sie ist Regulator und wohl auch Wegweiser – wenn sie nicht alles und jeden vereinnahmt.

Was ist das überhaupt, Peinlichkeit? Es steckt das Wort »Pein« darin, also Qual. Oh ja, das ist sie, die Peinlichkeit. Eine ordentliche Qual. Man denke nur an den ersten unbeholfenen Tanz in einer Disko, wo doch alle GUCKEN. Nein, ALLE gucken. MICH. AN. Oder wenn einem auf einmal kommt, was man da am morgen zur Kollegin gesagt hat, das war ja oberpeinlich. Peinlichkeit ist aber nicht nur im Gegenüber mit anderen Menschen vorhanden, das eigenen Selbst mit den gesteckten und nicht erreichten Zielen kann ebenfalls mit sehr viel Peinlichkeit daher kommen. Wer schafft es schon, diese riesenlange Liste von Ansprüchen, die man gerne an sich selbst stellt, zu erfüllen? Wie oft ist es einem – wenn auch nur still und leise – peinlich, wo und wie man wieder versagt hat? Peinlichkeit ist also nicht nur ein gesellschaftlicher Regulator, sondern auch ein persönlicher. Wobei hier die Bandbreite dessen, was peinlich sein kann, individuell total unterschiedlich ist. Wie schon gesagt, manche ist alles peinlich, anderen überhaupt nichts.

Ich finde es sehr schön, meiner Tochter beim Großwerden zuzusehen. Diese ganzen Schritte und Phasen, die mir, jetzt wo sie älter wird und wir in Regionen kommen, wo ich auch noch Erinnerungen an meine eigene Kindheit habe, sehr bekannt und vertraut sind. Im Guten wie im Schlechten.

Ich hoffe, dass sie die Peinlichkeit des Seins, die sie gerade so intensiv verspürt, irgendwann ad acta legen kann. Es lebt sich einfach entspannter. Mütterliche Weisheit ist allerdings völlig fehl am Platz. Das sind Erfahrungen, die man einfach selber machen muss.