Ich hatte Besuch, von einem alten Bekannten, von einem guten Freund aus früheren Tagen, also von damals, als ich »noch jung« war. Wir kennen uns seit wir ungefähr dreizehn oder vierzehn sind. Musikfreizeiten, Orchester- und Kammermusikspielen bis zum Umfallen, Nächte durchmachen, reden, Unsinn machen, bunte Abende gestalten. Stippvisiten hier und dort und bei anderen gemeinsamen Freunden, Geburtstage, lauter Überraschungspartys und Besuche, er wird achtzehn, ich werde achtzehn, die anderen werden es auch. Wir haben das Schienennetz der Deutschen Bahn viel genutzt.

Es ist schon komisch, wie viel Erinnerung bleibt, wie gleich man bleibt in seinem Herzen, und wie viel sich doch verändert hat. Jedenfalls im Äußeren. Wenn ich mich mit ihm treffe, dann schimmert das Glücklichsein von damals durch, dieses Gefühl von unendlichem Spaß, und davon, dass das Leben noch vor einem liegt mit all seinen verschworbelten Wegen und Möglichkeiten. Damals war mir das nicht so bewusst wie heute.

Er war also hier, wir haben uns zwei Abende lang unterhalten, von unserem Leben erzählt, uns gewundert, dass der Spaß am und im Leben sowie das Gefühl von Glück manchmal im toten Winkel liegen bleiben. Man kann den Kopf drehen und wenden, wie man will, man bekommt weder den Spaß noch das Glück zu Gesicht. Die Hoffnung, dass die beiden noch da sind, stirbt zuletzt.
Heute sind andere Dinge wichtig als damals, frühere Probleme sind keine mehr, neue sind dazu gekommen. Und immer die Reminiszenz und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Der Abend schreitet dahin, es wird langsam dämmrig und dunkel und in mir steigt Müdigkeit auf. Eine Müdigkeit, die ich von früher gar nicht kenne. Knochendurchdringende Müdigkeit. Durchgemachte Nächte sind für mich das Grauen in Person. Heute. Damals war das anders. Da war das einfach lustig. Ihm geht es ähnlich. Gegen zehn Uhr tritt er den Weg zu seiner Unterkunft an. Ich begleite ihn ein Stück.

Ein lauer Abend, eine warme Brise auf der Haut und der Geruch von Sommer in der Luft. Das Glücksgefühl, das sich in mir angesammelt hat, steigt nach oben und ich möchte einen Schrei ausstoßen, so froh bin ich im Hier und Jetzt. Ich tue es nicht. Das gute Benehmen, die Nachbarn und so … und dennoch … das Herz ist offen für die Schönheit der Welt.

Wir machen uns auf den Weg. Wir laufen, ein flottes Tempo. Auf einmal sehe ich einen glühenden Punkt durch die Luft fliegen. Ich kann es kaum fassen: ein Glühwürmchen. Hier. Wahnsinn. Ich habe diese Tierchen seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen. Es werden mehr und mehr, sie tummeln sich in der Luft, sitzen in den Blättern der Büsche am Wegesrand und leuchten vor sich hin. Wegbegleiter. Die Glühwürmchen und mein Bekannter. Beide Begegnungen haben mich sehr glücklich gemacht. Es war dieses Glücksgefühl von damals, dieses Gefühl, dass die Welt einfach stimmt und ich genau da hingehöre, wo ich bin. Für ein paar Momente kann ich sie spüren, die sich so oft in Abwesenheit befindliche Leichtigkeit des Seins. Es gibt sie noch. Und das ist mehr als tröstlich.