Blog Image

Writer's Home

Über den Blog

Dieser Blog soll ein kreativer Raum sein, in dem ich über alles mögliche, was mir in meinem Leben begegnet, schreiben möchte.

Cream Tea in Ottobrunn

Alltagsgedanken Posted on Sun, October 06, 2019 18:55:36

Heute war ein Tag der Freude. Ich habe es nämlich geschafft, Clotted Cream herzustellen. Diese englische Spezialität, die bei einem vernünftigen Cream Tea auf keinen Fall fehlen darf, ist hier nicht ganz einfach zu kriegen. In ein paar britischen Spezialitäten-Läden kann man sie kaufen, allerdings zu horrenden Preisen. Dank dieser Webseite

https://www.we-love-pasta.de/2014/05/28/clotted-cream-traumhaft-sahnig/

habe ich jetzt das passende Rezept gefunden. Ausprobiert, und es hat auf Anhieb funktioniert. Das dauert alles ein bisschen: Gute Bio-Sahne im Wasserbad bei 80 Grad in den Ofen stellen und dort etwa 8 Stunden drin lassen. Es bildet sich eine leicht gelbliche Schicht. Das Ganze muss dann eine ganze Weile abkühlen (ich hatte es über Nacht auf dem Balkon). Die Schicht wird in diesem Prozess hart. Jetzt noch abschöpfen. Clotted Cream in perfection. Traumhaft. Himmlisch. Einfach nur wunderbar.

Dazu braucht es natürlich ordentliche Scones. Die machen wir aber öfter und ich habe hier schon mein Lieblingsrezept. Heute sind sie besonders gut gelungen, ich habe mehr Backpulver verwendet als sonst und das war genau richtig. Sie sind schön aufgegangen, waren weich in der Mitte, und hatten eine leichte Kruste oben drauf. Wie es sich gehört.

Scone aufschneiden, Clotted Cream drauf, und dann ein Klecks Erdbeermarmelade. Was braucht man mehr.

Dazu einen wunderbaren Tee (PG Tips) und wir haben uns wirklich wie im englischen Himmel gefühlt.

To be repeated.



Rezension: “Blackbird” von Matthias Brandt

Rezensionen Posted on Sat, September 28, 2019 12:31:44

Der 15-jährige Gymnasiast Morten, genannt Motte, hat einen besten Freund. Den Bogi. Und auf einmal ist Bogi weg. Im Krankenhaus. Und da bleibt er ziemlich lange, weil er sehr krank ist. Der neue Bogi, der im Krankenhaus, ist so anders als der alte, fast schon so, als würde er gar nicht mehr zu Mottes Welt gehören. Worüber und wie soll Motte jetzt mit ihm reden? Wo er doch eigentlich gar nicht weiß, was er sagen soll. Und außerdem ist da nicht nur Mitleid, sondern auch eine Menge Wut im Bauch, dass Bogi ihn einfach so alleine lässt.

Als ob das nicht genug wäre, scheint Mottes Leben in allen möglichen Bereichen auseinanderzufallen. Sein Vater brennt mit einer anderen Frau durch, seine Mutter kämpft schwer mit der neuen Situation, und dann erweckt der Anblick eines Mädchens aus der Nachbarschule auf einmal so ganz neue Gefühle in Motte …

Matthias Brandt gelingt mit »Blackbird« ein großartiger Einblick in das verworrene Seelenleben eines pubertierenden Jugendlichen, der auf einmal mit Tod, Trennung und Liebe konfrontiert wird. Die Sprachlosigkeit des Protagonisten nach außen und die gleichzeitige Gedankenflut im Inneren sind das Gerüst des Romans. Der Leser erlebt Mottes Welt aus der Ich-Perspektive, eine sehr kluge Perspektiven-Wahl. Näher kann man einem Protagonisten nicht kommen. Das verleiht dem Roman eine persönliche Tiefe, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch voller Witz und Komik. Mottes Blick auf die Welt ist mit so trockenem Humor unterlegt, dass man immer wieder an sich halten muss, um nicht laut loszulachen. Scharf beobachtet und skizziert ist das Verhalten der Erwachsenen mit all der Heuchelei, die hier oft anzutreffen ist, aber auch mit all den positiven Aspekten. Man lernt so einiges über die Bedürfnisse, Ängste und Nöte eines pubertierenden Jugendlichen.

»Blackbird« ist ein durch und durch gelungenes Werk, voller Humor, Liebe und Weisheit.

Der Roman »Blackbird« von Matthias Brandt ist 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.



Abschied

Lebensgedanken Posted on Fri, July 12, 2019 23:06:42

Immer wieder und immer wieder gibt es diese einschneidenden Momente im Leben, wo man genau weiß, es wird nicht mehr so sein wie früher. Sie kommen, diese Momente, ändern etwas im Leben, und dann verschwinden sie wieder. Zurück bleibt ein Kloß im Hals und die Gewissheit, dass jetzt wieder Trauerarbeit angesagt ist. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und man muss ja nicht nur um verstorbene Menschen trauern, es gibt viel im Leben, das ein wenig Trauer wert ist, wenn es verschwindet.

Heute habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben den letzten Satz der Abschiedssymphonie von Haydn aufgeführt, das zweite Mal tatsächlich zum Abschied. Diesmal musste ich mich zusammenreißen, mein Blick auf die Noten verschwamm, ich blinzelte, er verschwamm wieder. Und wieder.

Der ganze Saal ist in Dunkelheit getaucht, nur an den Notenständern des Orchesters auf der Bühne leuchten die Funzeln von Pultleuchten, die es einem gerade mal so ermöglichen, die Noten zu erkennen.

Si Parte,
steht da in den Noten, an verschiedenen Stellen.

Einer geht, löscht das Licht, es wird dunkler auf der Bühne. Wir spielen weiter. Wieder einer. Noch ein paar Takte. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Ich gehe auch. Lösche das Licht und weiß, dass es so nie wieder angehen wird. Am Ende sind es noch drei, zwei Geigen, eine Bratsche, die tapfer spielen, und die Dirigentin, die dirigiert. Die Bratsche geht. Die Dirigentin geht. Es ist fast komplett finster jetzt. Die letzten Töne … Stille.
Dann Applaus aus dem Publikum, viel Applaus. Die Scheinwerfer gehen an, wir treten auf die Bühne, nehmen den Beifall entgegen. Es ist gut gelaufen, all die Pleiten und Pannen aus der Generalprobe haben wir hinter uns gelassen, all die harten Proben haben Früchte getragen.

Jetzt noch – gelöst und locker – die Zugabe. Eine Tangobearbeitung. Macht Spaß, kommt gut an. Und trotzdem ist mir, als zerrisse es mir das Herz, so verdammt traurig ist die ganze Situation. Der letzte Tango, wir spielen, das Ende naht. Und dann ist es vorbei. Ende Äpfel Amen.

Das war’s. Das soll es gewesen sein? Kein Orchester mehr? Die Dirigentin geht in Rente. An dieser Stelle möchte ich Verena Seitz ein dickes, dickes Dankeschön aussprechen für all ihre Arbeit und Mühe mit den Kindern. Sie hat ihnen immer wieder gezeigt, wie wunderbar es ist, zusammenzuspielen, Musik zu machen, Stücke zur Aufführung zu bringen. Sie hat nicht aufgegeben, selbst wenn zum tausendsten Mal die Noten vergessen oder nicht geklebt, oder noch schlimmer, nicht geübt waren.

Ich selbst bin diesem Musikschulorchester seit ewigen Zeiten entwachsen, aber es ist die Wiegestube meiner eigenen Orchestertätigkeit, meiner Liebe zum Orchesterspielen, die mich nie verlassen hat. Hier habe ich immer wieder von vorne angefangen, wenn alle guten Schüler weggegangen sind und lauter kleine nachkamen. Schon wieder den festlichen Marsch von Händel, weil mehr einfach nicht ging. Aber wir sind oft sehr weit gekommen. So haben wir die Unvollendete von Schubert gespielt, die 1. Symphonie von Beethoven. Diverse Solokonzerte von Bach, die Romanze in f-Moll von Dvorak und vieles, vieles mehr. Ich habe dort Solo gespielt, ich habe Stimmproben geleitet. Und jetzt, 20 Jahre später, spielen meine Kinder dort mit. Wieder Stimmproben. Ich helfe aus. Fingersätze sortieren, Vorzeichen lernen, sauber spielen üben. Immer wieder Aufführungen, Erfolge. Die Kinder sind stolz, freuen sich. Wenn ich am Ende einer Probe von den Kindern Enttäuschung erlebe, dass es vorbei ist und gefragt werde, ob wir nicht noch ein bisschen weiterspielen können, dann ist das eine gute Sache.

Hier geht mit dem heutigen Tag tatsächlich eine Ära zu Ende. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als die vielen schönen Momente im Herzen zu behalten und nicht zu vergessen. Ein bisschen Traurigkeit muss sein, man kann ja nur über den Verlust von schönen und guten Dingen trauern.



Das Blaue Album

Rezensionen Posted on Sat, April 06, 2019 22:14:11

Der Roman »Das blaue Album« wurde von Heide-Marie Lauterer geschrieben und ist 2017 im Rungholt Verlag erschienen.

Eine Frau, ihre Tochter und ihre Mutter, ein klobiger Sekretär, der sich nicht bewegen lassen will, und ein blaues Album mit Fotos aus der Nazizeit. Dazu ein Archäologe und ein Partner mit rechtsradikalem Freundeskreis. Das sind die Grundzutaten dieses Romans. Damit entfaltet Lauterer eine spannende Geschichte über unausgesprochene Themen aus der Vergangenheit, die sich immer wieder in die Gegenwart drängen, um endlich gesehen, verstanden und verarbeitet zu werden.

In dem alten Sekretär, einem Erbstück ihrer Mutter, entdeckt Helena zusammen mit ihrer Tochter Blue ein blaues Album mit Fotos ihres Vaters aus der Nazizeit. Die Bilder werfen Fragen auf, die sich so leicht nicht beantworten lassen. Die Existenz und der Inhalt dieses Albums interessieren auch andere Leute, wie zum Beispiel Blues Freund und auch den Archäologen Paulus, den Helena auf einer Party kennenlernt.
Das Album verschwindet, keiner weiß, wo es abgeblieben ist, es zu finden, wird ein immer dringlicher werdendes Anliegen. Helena macht sich auf die Suche und kommt dem Geheimnis ihrer Familie immer näher. Paulus lädt sie zu seinen Grabungsstätten ein und führt sie auf eine schamanische Visionssuche, die Helena die Schatten der Vergangenheit erleben lässt.
Helenas Tochter startet eigene Recherchen und findet durch Akten im Archiv heraus, was es mit Opa Karl auf sich hat.

Lauterer nimmt sich in ihrem Roman der Bewältigung der NS-Zeit an und zeigt, wie sehr die Taten und das Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration Einfluss auf das eigene Leben haben. Diese Thematik verwebt sie meisterhaft mit den gegenwärtigen Problemen der Immigration und des erstarkenden Fremdenhasses im heutigen Deutschland, so dass ein interessantes Mosaik aus Vergangenheit und Gegenwart entsteht, das ein Grundthema hat: wie gehe ich mit Menschen um, die anders sind? Und was haben wir aus unserer Vergangenheit gelernt?

Lauterer schreibt in eindringlicher Sprache und je weiter die Geschichte fortschreitet, desto weniger kann sich der Leser dem Sog, der sie entfaltet, entziehen.

Fazit: ein vielschichtiges Leseabenteuer, das die Augen dafür öffnet, dass auch das Leben und die Taten der vergangenen Generationen eine unübersehbare Wirkung auf die Gegenwart haben. Man darf sie nur nicht verdrängen, denn sie werden ihren Weg nach oben finden.



Gruselgestalten ganz lieb

Alltagsgedanken Posted on Sun, December 30, 2018 21:58:04

Ganz nach dem alten Brauchtum haben auch dieses Jahr »D’Boch Peachtn« wieder die verschiedenen Gemeinden, die am Hachinger Bach liegen, heimgesucht. Wild kommen sie daher, gekleidet in Fellen verschiedenster Art, riesige Glocken hängen ihnen um die Taille, kleinere um die Beine, und machen einen gewaltigen Lärm. Und die Gesichter? Es sind grässliche Fratzen, blutüberströmt, gruselige Zähne, wilde Hörner, krumme Nasen, grauslig leuchtende Augen. Alles da also, was eine echt furchterregende Gestalt ausmacht. Mit einem bewundernswerten Auge fürs Detail hergestellt. In der Hand halten sie Fackeln und Ruten. Nach einem Brauch, der in Süddeutschland und Österreich gelebt wird, treiben die schiachen Gesellen mit ihrem Lärm und ihrem Aussehen den Winter bzw. die bösen Geister des Winters aus.

So durchziehen sie die Ortschaften. Menschen sammeln sich am Straßenrand und warten auf die schrecklichen Gesellen. Und dann hört man das erste Scheppern der Glocken in der Ferne, sieht die Fackeln. Endlich sind sie da, stehen vor einem. Zum Fürchten. Die Kinder verkriechen sich hinter ihren Eltern und lugen höchstens mit einem Auge hervor.
Ganz im Gegensatz zu ihrem Aussehen sind »D’Boch Peachtn« aber ganz freundliche Gesellen. Sie kommen mit ihren Ruten zu den Zuschauern, berühren sie leicht und wünschen »a guads Nei’s«. Den Kindern, die Angst haben, strecken sie vorsichtig ihre Ruten hin, damit diese sie berühren können, sie nehmen mutigere Zeitgenossen in den Arm und lassen Fotos schießen. Manch ein Kind konnte so seine Scheu verlieren und ein fröhliches »guads Nei’s« zurückwerfen. Und trotzdem sind sie jedes Mal erst mal so richtig gruselig.

Die Gesellen ziehen weiter, die Menge an Schaulustigen, die hinter ihnen her geht, wird immer größer. Das Spektakel mündet dann in einen Tanz der Perchten, wo sie mit großem Schellengeläut eine gut choreografierte Vorstellung geben.

Krampusläufe sind auch in anderen Gemeinden bekannt. Gut besucht und damit sehr viel durchorganisierter sind die Läufe in Kirchseeon und in München. Hier sind die Perchten oft zu viel gruseligem Schabernack aufgelegt, erschrecken die Zuschauer, klauen ihnen Mützen oder Haarbänder.

Das ist es, was »D’Boch Peachtn« so besonders macht. Sie sind Gruselgestalten ganz lieb und sie wandern ohne viel organisatorisches drumrum durch die Gemeinden. Ein wunderbarer Brauch. Weiter so!



“Kontrapunkt” von Anna Enquist

Rezensionen Posted on Wed, August 08, 2018 22:49:26


Ich habe eines meiner absoluten Lieblingsbücher wieder zur Hand genommen und noch einmal gelesen. Wieder bin ich erschüttert und zutiefst berührt von diesem wunderbare Werk von Anna Enquist. Hier eine kleine Rezension:

Anna Enquist schreibt über Musik, mit Musik und um Musik herum . Sie
setzt Musik und Leben in Verbindung. Sie betreibt Trauerverarbeitung mit Musik.

Die Protagonistin, einfach nur “Frau” genannt, ist Pianistin und wagt
sich an das Bachsche Wahnsinnswerk “Die Goldberg-Vatiationen”. Eine
Aria, einfach in Gestalt, dreißig Variationen, und anschließend noch
einmal die Aria. Sie versucht auf diese Weise die Erinnerung an ihre
verstorbene Tochter zu erhalten. Es ist schlimm, einen geliebten
Menschen zu verlieren, noch schlimmer ist die immer weiter verblassende
Erinnerung. Jeder verstreichende Tag führt sie weiter weg von ihrem
Kind. Anhand der 30 Variationen, die in ihrem Auftreten und ihrer
Wesensart alle unterschiedlich sind, erarbeitet sie sich eine Collage an
Erinnerungen an ihre Tochter. Das Baby, das kleine Mädchen, der
Teenager und die junge Erwachsene – bis zu ihrem Unfalltod. Eine
Beziehung von ganz eng und ganz nah über das schrittweise Loslassen hin
zu der erwachsenen Tochter, die ihr eigenes Leben lebt. Und trotzdem
immer liebende Nähe.

Das Licht der Klavierlampe bildete ein schützendes Rund, das Partitur, Klaviatur und Hände umschloss … Hier
vergräbt sich die Frau, studiert die technisch immens schweren
Variationen und erinnert sich. Die Welt außerhalb ihres schützenden
Runds ist für sie voll Angst, voll von HEUTE, das ihr die Erinnerungen
zu nehmen versucht.

Der Leser bekommt nicht nur diese
wunderbaren literarischen Zeichnungen dieses Kindes, die Frau
beschäftigt sich außerdem mit Bach und seinem Leben sowie
musiktheoretischen und klaviertechnischen Fragestellungen. Nicht aber in
unverständlichem Kauderwelsch, sondern in schönen verständlichen
Sätzen, die die Neugierde auf die Musik erwecken. Man beschäftigt sich
mit Bachs Komposition aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus, so
subjektiv und doch so allumfassend.

Jedes Kapitel beignnt mit
ein paar Takten Notenzeilen, jede Variation wird so skizziert. Und wenn
man sich zum Lesen noch die Musik anhört, dann hat man ein ganz
wundervolles Gesamtkunstwerk von Musik und Literatur. Ein zutiefst
berührendes Buch.

Als ich über die Autorin nachlas, habe ich
herausgefunden, dass sie mit diesem Buch wirklich den Unfalltod ihrer
Tochter verarbeitet hat. Ich kann es kaum mehr zur Hand nehmen, ohne
dass mir die Tränen kommen. Geschweige denn Bach hören.



Über die Peinlichkeit des Seins

Alltagsgedanken Posted on Wed, July 04, 2018 22:20:32

Ich habe eine Tochter, die ist vergangenen Februar neun Jahre alt geworden. Und ich habe festgestellt, dass wir seit ein paar Wochen in eine ganz neue Phase eintreten. Die Phase der Peinlichkeit hat uns erreicht. Alles ist peinlich. Aber wirklich. Alles. Ein sehr häufig gehörter Satz aus dem Munde dieses wunderbaren Mädchens ist: »Aber neeeeeiiiiin, Mama, das ist peeeeeiiiiinlich!«

Ich muss dann immer so lachen. Und ein bisschen peinlich sein (jedenfalls für ihre Begriffe), weil es lustig ist, wenn sie oben erwähnten Satz in größter Verzweiflung von sich gibt. Bisschen mütterlicher Sadismus muss hier schon sein.

Wir waren letztens auf einem Sommerfeuer und da gab’s auch eine Life-Band. Ich habe so ein bisschen zur Musik getanzt – wobei das wirklich schon fast übertrieben ist. Habe mich dazu ein wenig bewegt, sagen wir es mal so. Meine Tochter ist fast ausgeflippt. »Mamaaaaaa, das geht nicht, das ist so peinlich.« Ich konnte es natürlich nicht lassen, die eine oder andere “peinliche” Bewegung zu machen.
Ja, wir haben uns dann lange darüber unterhalten, immer wieder, über den Blick der anderen auf die eigene Person. Wo darf mich dieser Blick einengen, wo vielleicht besser nicht. Sie wird ihren Weg finden, da bin ich mir sicher.
Wir sind dann ganz nah an die Bühne gegangen, wo es auch noch andere Menschen gab, die sich zur Musik bewegt haben, die sogar getanzt haben. Da wurde es besser. Sie hat mitgetanzt und hatte einen Heidenspaß.

Auf der Geige vorspielen ist auch peinlich. Dabei macht sie es so gut, so souverän, so ganz ohne jeglichen Grund auch nur einen Ansatz von Peinlichkeit oder Scham spüren zu müssen. Einer Freundin geliehene Unterwäsche zurückzugeben ist auch peinlich.

Ich erinnere mich gut daran, was mir alles peinlich war, als ich noch ein Kind oder eine Jugendliche war. Das war eine ganze Menge. Ehrlich. Ich war da ganz schlimm. Und heute? Ist nicht mehr viel übrig geblieben davon. Mir ist es ziemlich egal geworden, was andere Menschen über mich denken. Sollen sie doch denken, was sie wollen. (Ich denke ja auch, was ich will). Ob ich so aussehe oder anders, ob ich tanze wie der letzte Neanderthaler oder wie eine Königin, ob ich Unsinn rede oder nur vernünftiges von mir gebe … who cares, really? Es ist natürlich nicht immer ganz so einfach, aber im Großen und Ganzen stehe ich drüber. Ich finde es sehr schön, dass ich mich von solchen Zwängen befreien konnte. Sie engen ein, sie lassen einen Dinge nicht tun, die eigentlich total toll wären, die das Leben bereichern würden oder einen meilenweit vorwärts bringen. Man tut sie nicht, weil es »peinlich« ist. Zum Teil sogar wider besseren Wissens.

Andererseits ist das Gefühl der Peinlichkeit natürlich auch ein gesellschaftlicher Regulator, so dass es zumindest gewisse Grenzen gibt, was in einer Kultur möglich und gewollt und was einfach jenseits jeglicher Möglichkeiten liegt. Sie ist Regulator und wohl auch Wegweiser – wenn sie nicht alles und jeden vereinnahmt.

Was ist das überhaupt, Peinlichkeit? Es steckt das Wort »Pein« darin, also Qual. Oh ja, das ist sie, die Peinlichkeit. Eine ordentliche Qual. Man denke nur an den ersten unbeholfenen Tanz in einer Disko, wo doch alle GUCKEN. Nein, ALLE gucken. MICH. AN. Oder wenn einem auf einmal kommt, was man da am morgen zur Kollegin gesagt hat, das war ja oberpeinlich. Peinlichkeit ist aber nicht nur im Gegenüber mit anderen Menschen vorhanden, das eigenen Selbst mit den gesteckten und nicht erreichten Zielen kann ebenfalls mit sehr viel Peinlichkeit daher kommen. Wer schafft es schon, diese riesenlange Liste von Ansprüchen, die man gerne an sich selbst stellt, zu erfüllen? Wie oft ist es einem – wenn auch nur still und leise – peinlich, wo und wie man wieder versagt hat? Peinlichkeit ist also nicht nur ein gesellschaftlicher Regulator, sondern auch ein persönlicher. Wobei hier die Bandbreite dessen, was peinlich sein kann, individuell total unterschiedlich ist. Wie schon gesagt, manche ist alles peinlich, anderen überhaupt nichts.

Ich finde es sehr schön, meiner Tochter beim Großwerden zuzusehen. Diese ganzen Schritte und Phasen, die mir, jetzt wo sie älter wird und wir in Regionen kommen, wo ich auch noch Erinnerungen an meine eigene Kindheit habe, sehr bekannt und vertraut sind. Im Guten wie im Schlechten.

Ich hoffe, dass sie die Peinlichkeit des Seins, die sie gerade so intensiv verspürt, irgendwann ad acta legen kann. Es lebt sich einfach entspannter. Mütterliche Weisheit ist allerdings völlig fehl am Platz. Das sind Erfahrungen, die man einfach selber machen muss.



Trauerjahr

Familiengedanken Posted on Wed, June 27, 2018 23:59:56

Ich kann es kaum glauben, aber das Trauerjahr ist fast vorbei. Am kommenden Montag ist es ein Jahr her, dass meine Oma gestorben ist. Unfassbar. Wirklich.

Ich sitze hier und fühle in mich hinein und überlege, wie das war, das Trauerjahr. Und was sich geändert hat. Heilt die Zeit die Wunden? Ich lese in meinem alten Blog, lese über die pure Verzweiflung im Januar, erinnere mich an das Gefühl der endlosen Leere kurz nach dem Tod, denke darüber nach, wie sehr sich alles verändert hat.

Trauerjahr.

Was heißt das? Ich fühle mich immer noch traurig, wenn ich zu lange an meine Oma denke. Wenn es spät abends ist (so wie jetzt), um mich herum alles still und dunkel. Wenn mich Erinnerungen fluten und ich das Gefühl habe, ihre Stimme zu hören, ihre rauen, faltigen Hände zu spüren, ihre Zuneigung zu erfahren. Dann kommt der Kloß im Hals wieder zurück und ich weiß noch genau, wie es war, als ich meinte, an diesem Kloß ersticken zu müssen. Reminiszenz.

Vor ein oder zwei Wochen habe ich von meiner Oma geträumt. Das erste Mal seit ihrem Tod. Bis dahin erschien mir ihre Abwesenheit als entgültige Tatsache. Sie war wirklich weg. Im Gegensatz dazu hatte ich nach dem Tod meines Großvaters immer das Gefühl, dass er ständig anwesend und präsent ist und mir seine Hand auf die Schulter legt. Mich weiterhin begleitet.

Dieser Traum glich einer Erlösung. Auch sie ist da. Sie hat sich nicht einfach davon gestohlen. Ohne Verbindung. Man mag vom Tod denken was man will. Für mich ist es nur ein Übergang in eine andere Existenzform. Man verlässt den menschlichen Körper, der vielleicht eh schon jenseits jeglicher vernünftigen Funktion liegt. Und lebt anders weiter. In dieser Andersartigkeit kann man durchaus in Kontakt treten mit den Lebenden. So sehe ich das.

Nur meine Oma hat da nie gemacht. Mir erschien es fast wie eine Weigerung – oder Verweigerung. Sie wollte nicht, konnte nicht, was auch immer. Und dann dieser Traum … sie war da. Anwesend. Ganz klar und deutlich. Und sie hat mich umarmt, ganz fest, und hat gesagt, dass alles gut wird. Ich habe eine immense Erleichterung verspürt, die Existens dieser Verbindung, auf die ich so lange gewartet habe, macht es mir leichter, dieses Jahr zu ende zu bringen. In meinem Herzen ist sie nach wie vor so präsent als wäre sie nicht weg. Als säße sie in ihrer Wohnung, knappe 3 Kilometer Luftlinie von hier entfernt, so wie sie es davor immer getan hat.

Omilein.

Mir kommen noch immer die Tränen. Aber nicht mehr so oft. Und nicht mehr so gewaltätig. Die Trauer wird leiser. Tritt ein wenig zurück und überlässt die vordeste Front anderen Themen.

Vergessen werde ich nicht. Aber ander erinnern. Das schon.



Next »